Healing Arts ? (2004)

Healing Arts

I

Für mich als Musiker, der seine Kunst im weitesten Sinne auch als vertrauensbildende Maßnahme versteht und dennoch den Anspruch auf künstlerische Autonomie nicht aufgeben will, ist der Begriff der Healing Arts hochproblematisch, erinnert er mich doch an grottenschlechte Meditationskassetten, die zwar ihren Zweck erfüllen, aber in musikalischer Hinsicht jedes Kunstcharakters bar sind. Daneben kommt noch die Assoziation „Therapiemalgruppe“ oder „Selbsterfahrung durch Gewalt gegen Musikinstrumente“, also lauter Zusammenhänge, in denen von „Art“ nur die Rede sein kann im Sinne einer Art Musik oder einer Art Malerei etc, letztlich also als Verneinung jeden künstlerischen Anspruches. Dabei stellt sich natürlich die schon so oft bedachte Frage nach dem Verhältnis der Kunst zu ihrer Funktion, also etwa: Gibt es eine funktionale Kunst, die ihren Kunstcharakter nicht einbüßt? Gibt es irgendetwas ohne Funktion? Welche Funktion könnte der Anspruch auf Freiheit von Funktion erfüllen? Die letzte Formulierung der Frage führt direkt zu meinen persönlichen Antworten als tonale Musik schaffender Komponist und Improvisator: Daß Musik den Menschen irgendwie positive Erfahrungen verschaffen soll, ist wohl die Bedingung ihrer Existenz bzw der Bezahlung ihrer Macher; allerdings kann das je nach den kulturellen Bedürfnissen ihrer Hörer auch unangenehme Empfindungen einschließen im Sinne von Katharsis oder Selbsterfahrung…

Was sie zur Kunst macht, ist immer der Grad der geistigen Durchdringung, das spielerische über den reinen Zweck hinaus, das der Funktion manchmal abträglich ist, aber nicht sein muß. Also eine Gestaltung, die günstigenfalls auch dort, wo es nicht um den Zweck (Tanz, Entspannung, Agitation, Ausdruck, Virtuosität etc) geht, ästhetische Befriedigung verschafft. In Abgrenzung zu Adorno, der jeder funktionalen Kunst den wahren Kunstcharakter abspricht (wobei natürlich zu fragen wäre, was die Kategorie des Wahren im Reich des Schönen zu suchen hat…), behaupte ich mit Mozart, daß Musik „angenehm in die Ohren (…) außer in die langen nicht“ sein (Brief an den Vater über Klavierkonzerte) und mit Beethoven, daß sie „dem Manne Feuer aus dem Geiste schlagen“ soll, also durchaus Funktionen erfüllt, die mit Unterhaltung und Agitation fürs erste genug benannt seien.

!!

Was aber kann positiverweise gemeint sein, wenn von „Healing Arts“ die Rede ist, bezogen (fürs erste und vielleicht stellvertretend für andere) auf Musik ? Ich nenne meine Musik „vertrauensbildende Maßnahme“, um ihren gesellschaftlichen Gehalt zu benennen: Es geht mir darum, die vielfältigen Ängste, die die Gesellschaft in ihren gegenwärtigen Formen gefangenhalten nicht zu beruhigen, sondern zu transzendieren, also Angst um Profit, Angst vor Unsicherheit jenseits hergebrachter Strukturen, Angst vor Identitätsverlust jenseits althergebrachter Rollen, Angst auch vor existenzieller Unsicherheit und Not. Natürlich ist ein gewisses Maß an „Beruhigung“ angesichts der den Kapitalimus prägenden Panik erstmal nötig, das aber schon durch den spielerischen, kulinarischen, erstmal zweckfreie Sinnenlust versprechenden Charakter der Kunst als solcher gegeben ist: Wir können uns unbeschwert fühlen: Es geht nicht um unseren Job und auch nicht um unsere Kinder! Aber dann: wollen wir erheitert sein, also Abstand gewinnen zur alles beherrschenden Warenwelt, wollen wir uns gespiegelt sehen aus ungewohnter Perspektive, also Abstand gewinnen zu unseren Rollen und Mustern? Die Musik, wo sie nicht Text transportiert, hat es mit inhaltlichen Aussagen ja eher schwer; sind doch die Assoziationen zu verschiedenen Stilen und Klängen sehr bildungsabhängig; aber auf sanfte Weise Erwartungen nicht oder anders zu erfüllen; eine Entspannung zu erzeugen, die den Geist durch Unerwartetes wach hält, überhaupt den Geist zu trainieren durch mehrere Ebenen (etwa in moderner Tanzmusik, wo über dem funktionalen Beat durchaus Bewußtseinsverändernde Rhythmen und Klangfolgen passieren können, die ohne Beat nur ein Bruchteil der Leute goutieren würde), durch scheinbar einfache Strukturen, die sich bei dem Versuch intellektuellen Verstehens als vertrackt erweisen, durch ungewohnte, gleichwohl nach einer Weile doch nachvollziehbare Rhythmen…

Das sind so die Tricks, die Musik zu einer philosophischen Aussage verhelfen, auch wenn, und damit muß man immer rechnen, die „langen Ohren“ nichts hören als ein angenehmes Geräusch bzw eine schöne Stimmung.

III

Der konkreteste Bereich von Healing Arts im Bereich der Musik ist freilich die Erfahrung der Improvisation, des kommunizierens mit sich selbst und anderen im Medium der Töne. Hier sind soviele Dinge zu lernen: zu hören: auf sich selbst: wie klingt das? auf die anderen: wie klingt das zusammen? überhaupt innere Töne hören, das ist wie die innere Stimme hören… zu fühlen: wann muß ich führen, wann mich führen lassen? wann muß ich nur meine Stimme halten, ein Selbstgefundenes festhalten im Dienste des Ganzen: ist das nicht fast utopisch heilsam? Wann muß ich meine Stimme loslassen, um Raum zu lassen für Andere Stimmen? Utopie (als Ort-losigkeit) kann in dieser Zeitkunst, wo jedes Ende auch wieder Ausgangspunkt einer neuen Kreations-Erfahrung sein kann, eingeübt werden: sich gegenseitig tragen und tragen lassen durch den Strom einer befreiten Zeit… Die ganze Dialektik einer Gesellschaft selbstbestimmter Individuen kann in dieser Kunst erlebt und mit etwas Übung genossen werden. In diesem Sinne ist Improvisation für mich Healing Art im besten Sinne, wenn denn Heilung die Befähigung zu einem selbstbestimmten Leben in Harmonie mit anderen bedeutet.

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Der Biologismus in der Musik am Beispiel Wagners (2005)

Der Biologismus in der Musik

läßt sich am Beispiel Richard Wagners sehr deutlich studieren, der aus der Kunstphilosophie Schopenhauers die Legitimation bezog, alles unterhaltende aus der Oper zu verbannen und den unbedingten Ausdruck zum Hauptziel zu machen. Nun ist aber der subjektive Ausdruck dasjenige an der Musik, was dem Vogelgesang, den Revierverteidigungsgesängen und Balztänzen noch am nächsten liegt, denn der Abstand zur reinen Botschaft, die Freiheit, Phänomene als ästhetische zu genießen statt Nachrichten zu entziffern ist es, was Kultur von Natur abhebt. Die Regression, die mit der Überbetonung des Ausdruckes einhergeht, wird noch deutlicher, wenn man Wagners Polemiken gegen Mendelssohn und Brahms ernst nimmt als das, was sie eigentlich sind: Ressentiment gegen musikalische Bildung, gegen durch Studium erworbene Fähigkeiten, die vom Autodidakten Wagner als Klappern des Handwerkes abgetan werden. Dagegen stellt er seinen Geniekult, der seine Unfähigkeit zur Formung und Gestaltung als höhere Stufe der Entwicklung, als „Zukunftsmusik“ im Sinne des „alles im Dienste des Ausdrucks“ verbrämt. Es bleibt ihm aber auch garnichts anderes übrig, denn seinen Fähigkeiten als „autonomer“ Komponist hat er wahrscheinlich zu Recht mißtraut; schon das Angebot Mendelssohns, seine Rienzi-Ouvertüre im Konzert zu dirigieren, schlägt er ab: Er sei nun einmal Theater-Komponist. Gegen die historische Entwicklung dagegen, die nun einmal Kunst im weitesten Sinne immer mit dem Unterhaltungsbedürfnis der Zuhörer verknüpft, ist seine „Philosophie“ machtlos. Seine Weihestätte, die dem reinen Kunstopfer dienen sollte, wurde zu dem, was sie im gerade zu imperialistischen Höhen sich aufschwingenden Kapitalismus nur werden konnte: einer Unterhaltungs- und Repräsentationsstätte der gehobenen Schichten. Das hat er selbst schon gespürt, aber in seiner historischen Richtigkeit nicht verstanden. Wir heutigen dagegen müssen etwas anderes bedauern: Das musikalische Bildungsniveau dieser Schichten hat bis weit nach unten hinein erheblichen Schaden genommen! Wenn es zum Verständnis eines mehrstündigen Werkes genügt, die Leitmotive wiederzuerkennen, kann sich nahezu jeder Ungebildete als Kenner der großen Kunst fühlen…

Zum Genuß der sicher in großer Zahl vorhandenen wunderschönen Stellen, erhabenen Momente, überhaupt des Gefühlsbades (bei gleichzeitiger Abwesenheit wirklich sinnvoller Botschaften) gehört nicht viel, der nihilistische Grundton entsprach wohl auch einem diffusen Bußbedürfnis, einem untergründigen Zweifel am imperialistischen Positivismus, der aber keine klare, zu revolutionärem Handeln zwingende Kritik vertragen hätte. So bleiben insgesamt zweifelhafte Botschaften: von der Eitelkeit alles Strebens (Ring), der Weltrettung durch Verzicht auf Geschlechtsverkehr (Parsifal), schließlich der Schädlichkeit des Handwerkes für die Kunst (Meistersinger), allesamt Aussagen, die jede Perspektive auf eine Zivilisierung der menschlichen Verhältnisse verweigern: der Geist, der weder nach Gold noch nach Liebe, sondern nach Freiheit und Autonomie strebt, wird entweder ganz verleugnet oder als jüdisch-zersetzend abgelehnt. Darin liegt die Kompatibilität der in Wagners Werken enthaltenen Philosophie mit dem Faschismus, der die biologistische Regression nur noch in Politik umsetzen brauchte, allen Untertönen zum Trotz! Freilich unterschlagend, daß erstens der deutsche Held das Ergebnis eines Inzestes ist, zweitens als Ziehsohn des ewigen Judens zu seiner Kraft kommt, drittens auch nicht gegen Täuschung und Vernichtung gefeit ist (dazu ist er zu dumm), schließlich die ganze musikalische Substanz bei Juden, Franzosen und anderen zusammengeklaubt ist. Das ist keine Schande, vielmehr vielleicht die deutsche Stärke: musikalischer Multikulturalismus: Es ist aber eine Schande, jede geistreiche Verarbeitung zu verweigern (die doch erst Originalität bewiese) und alle Vorbilder und Lehrmeister zu verleugnen: schlechtes Benehmen: auch hier wieder dieselbe Kulturlosigkeit, die in Deutschland hoffentlich bald nicht mehr zum unverzichtbaren Bestandteil des Nationalcharakters zählen wird…

Kinder brauchen Grenzen ?! Die Post-68er und der Anstand (2005)

Kinder brauchen Grenzen !?

Die Post-68er und der Anstand

Ein Gespenst geht um in Deutschland: der bürgerliche Anstand soll wieder gelehrt werden. Junge Eltern, die zwischen Liebe und Autorität nicht weiter wissen, sollen endlich wieder davon ausgehen dürfen, daß ihre Autorität – Liebe ist.

An vorderster Front kämpfen dabei die Kinder der 68er, zu denen ich mich (geb.7.6.1968) wohl ausdrücklich zählen muß. In bester Tradition ihrer Eltern stellen sie erst einmal deren Verdienst in Frage, verbünden sich mit den Großeltern, die noch mit dem Rohrstock Respekt lernen durften, bieten also das erheiternde Bild von Leuten, die sich öffentlich über ihre schlechte Erziehung beklagen. Wo bleibt da der Anstand? Auf rein persönlicher Ebene mag das erst mal so hingenommen werden, zumal die 68er selber nur sehr spärlich protestieren, aus schlechtem Gewissen oder Ratlosigkeit, mag ich nicht zu beurteilen.

Zum Politikum wird diese Abrechnung der jüngeren da, wo es daran geht, die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte zu verleugnen, ja in Lehrplänen und öffentlichen Erziehungsmaximen rückgängig zu machen. Wie oft muß man sich als liberal Erziehender anhören, daß „Kinder Grenzen brauchen“, daß „klare Hierarchien“ wichtig seien und dergleichen. Dem läßt sich so pauschal ja auch garnicht widersprechen, jedenfalls nicht im Eifer des Alltagsgefechts…

Wenn aber die Liberalität der 68er für den Verfall der Sitten und des gegenseitigen Respektes verantwortlich gemacht werden, wird die Grenze zur Demagogie in für mich unerträglicher Weise überschritten.

Sachlich bleibt doch festzuhalten, daß der bürgerliche Anstand in dem Moment fragwürdig wurde, wo es möglich war, als „anständiger Familienvater“ eine Mordmaschinerie wie die von Auschwitz durch bloßes Funktionieren nicht nur nicht zu verhindern, sondern erst zu ermöglichen. Den Zusammenhang zwischen Faschismus und autoritärer Erziehung hat ja schon Wilhelm Reich herausgearbeitet, auf den sich dann viele antiautoritäre Erzieher beriefen. Mit Erziehungsprinzipien zu brechen, die tatsächlich mörderisch wirkten, ist das historische Verdienst der 68er-Generation, wie hilflos und fragmentarisch auch immer ihre eigenen Entwürfe daherkamen. Das als Nachkomme zu leugnen und nachträglich noch nach der Prügel zu schreien (die sie erst jetzt verdienen würden), ist wirklich – unanständig und unreif, selbsttherapeutisches Geschwätz im politischen Raum, wo es wirklich Schaden anrichtet. Freilich gilt es die Kritik auch ernstzunehmen, wo sie differenzierend über die Vorgänger hinausgeht: wo sie Respekt vor der Autorität von der Achtung des Mitmenschen unterscheidet und damit bürgerliche Freiheit von bürgerlicher Autoritätshörigkeit. Es war historisch die Nachkriegszeit kein guter Moment, die bürgerliche Freiheit, die sich noch nicht von den autoritären Regimen der 30er und 40er Jahre erholt hatte, schon als überholt zu verwerfen; aber nach dem Versagen des Bürgertums im Nationalsozialismus eine verständliche, wenn auch hilflose Reaktion. An uns ist es wohl, die emanzipatorischen Anteile des bürgerlichen Selbstbewußtseins von dem zu scheiden, was unsere Vorgänger zu Recht nicht mehr wollten: Autoritätsgläubigkeit und Ignoranz gegenüber schlechtergestellten. Haben sie nicht selbst bewiesen, was Bürgerlichkeit auch sein kann, unsere ehemaligen Studenten, die ein elitäres Bildungssystem demokratisiert und für andere Schichten zugänglich gemacht haben? Das waren ja nicht Proletarier, sondern selber – Bürger, denen das Prädikat „anständig“ weit mehr gebührt als den (unfreiwiiligen?) Mordbrennern, die von Himmler damit geadelt wurden…

Freilich, die „antiautoritär“ Erzogenen, mit denen wir alle auch zu tun haben, sind ein ärgerliches Phänomen: ohne Achtung vor den Grenzen, die die Freiheit ihrer Mitmenschen der Ihren setzt, trampeln sie durchs Leben, bis sie in mühsamer Selbsterziehung den Unterschied zwischen Kuschen und Platz machen aus Menschenachtung vielleicht noch lernen. Es handelte sich da wohl auch nicht um antiautoritäre Erziehung, sondern um die Autorität der kindlichen Bedürfnisse über die elterlichen, eine simple Umkehrung, die mit der Weigerung, die eigenen Eltern (nach Auschwitz) noch zu achten, korrespondiert nebenbei die Anstrengung erspart, das eigene Leben und die Bedürfnisse des Kindes abzuwägen und womöglich miteinander zu verbinden. Den Begriff der antiautoritären oder wenigstens unautoritären – warum nicht einfach: Liberalen Erziehung würde ich jedenfalls nicht an diese gescheiterten Experimente abtreten. Natürlich wissen Eltern mehr über die Welt als ihre Kinder und müssen Gefahren umschiffen helfen. Aber das ist die natürliche Autorität, von der meistens garnicht die Rede ist. Es gibt aber auch genug Situationen, wo die Einfälle des Kindes die besseren sind, und wegen „klaren Hierarchien“ usw. nicht zuzulassen, daß Kinder auch mal Recht haben, ist dumm und schädlich; es sei denn, man will autoritäre Strukturen konservieren.

Denn eines muß immer klar sein: Eine wertfreie Erziehung gibt es nicht: Jede Art und Weise hat für die Gesellschaft Folgen und stärkt bestimmte Werte, während sie andere schwächt. Wenn wir den Zivilisationsprozeß bejahen und für die Freiheit des Individuums sind, ist uns mit „klaren Hierarchien“ nicht geholfen;

Wenn wir eine Kultur der gegenseitigen Achtung wollen, müssen wir auch die Persönlichkeiten unserer Kinder achten und aber auch die Achtung für uns und Andere bei ihnen stärken: also die Grenzen da setzen, wo sie in demokratischen Gesellschaften hingehört: da wo die Freiheit und Würde des Anderen verletzt wird (und nicht etwa seine Autorität). Dabei gilt es ein Bewußtsein zu wecken für den diskursiven Charakter von Regeln: Was den einen stört, mag vielleicht ein anderer gerne tolerieren, wenn er sich selbst dafür gewisse andere Freiheiten nehmen kann; es gibt keine absoluten Regeln für das konkrete Leben, nur die prinzipielle Rücksichtnahme, die das Leben angenehmer für alle werden läßt. Natürlich muß auch der Umgang mit autoritären Strukturen gelernt werden: wo man sich und/oder anderen nur schadet, wenn man auf seiner Freiheit besteht. Aber auch hier macht es einen Unterschied, ob ich aus vernünftiger Einsicht in die konkreten Gegebenheiten gehorche oder aus angelerntem Respekt vor jeder angemaßten oder echten Autorität.

Wie gerne lassen wir uns von dem, der uns etwas voraus hat, belehren, wenn wir auch da widersprechen dürfen und können, wo Unsinn verzapft wird. Das alles ist zugegebenermaßen nicht einfach, aber es ist ein Preis der Freiheit, den ich persönlich gerne zahle, und ich bin meinen Alt-68er-Lehrern sehr dankbar dafür, daß sie mich im Widerspruch unterstützt haben, ihrerseits für Kritik dankbar waren und mir und anderen eine Zeit des Ausprobierens und Lernens ermöglicht haben, die kaum eine Generation vor uns und unsere Altersgenossen im Osten auch nicht genießen durften. Deshalb muß ich meine Mit-88er ermahnen, unsere Alten nicht von hinten, sondern von vorne zu kritisieren und das Kind der Freiheit nicht mit dem Bade der schlechten Manieren auszuschütten: Was die für uns ausgefochten haben, können wir garnicht zu hoch achten, müssen aber weiter Fechten für unsere Kinder, damit es nicht demnächst von Oben heißt: Menschen brauchen Grenzen. Oder seid ihr die Freiheit wirklich schon Leid? Mir schaudert…

Was unsere Alten immer hören mußten, gälte dann Euch:

Geht doch nach drüben!

Zu den Mullahs und Putins und Bushs, und laßt euch vom Befehlsnotstand regieren.

Aber, laßt eure Kinder hier, denn Kinder brauchen Achtung und Liebe und Eltern, die sich selber achten und lieben und nicht bei jedem Problem nach Autorität schreien.

Das mag die Natur des Menschen (frei nach Schiller´schen Begriffen) unbequem ankommen, aber den Menschen im Menschen, den laßt doch einfach mal das tun, was wir als Kind am liebsten tun:

Spielen!

Skizze zur Emanzipation (2004)

Gewiß sind fast alle „wichtigen“ Positionen nach wie vor von Männern besetzt; wobei natürlich die Frage zu stellen ist, ob Kindererziehung wirklich unter die „unwichtigen“ Dinge fällt, geht es doch um die Zukunft unserer Gattung. Fragt man aber nach den heute einflußreichen Positionen, sind die Frauen sicherlich unterrepräsentiert. Gleichzeitig nimmt der Bildungsgrad der Frauen immer mehr zu: Genug Frauen gäbe es schon, die „höheren“ Etagen mit wie auch immer weiblicherem Denken zu bereichern. Eine Ursache für die Diskrepanz zwischen Frauenbildung und -einfluß ist die sogenannte Familienfalle: In den Kreisen der „Verantwortungsträger“ dieser Gesellschaft wird ein so hoher persönlicher Einsatz verlangt, daß daneben für Kinder kein Platz ist, also die biologisch gegebenen Wünsche zum Karrierehindernis werden, solange so wenig Männer ihre angestammte Rolle als Familienernährer nicht hinterfragen. Es ist allerdings auch zu bemerken, daß nach wie vor Männer, die nach diesen Positionen nicht streben und sie den Frauen überlassen würden, von Frauen nicht attraktiv gefunden werden. Immer noch ist es so, daß ehrgeizige Frauen ihre Chancen bei Männern suchen, die ihnen sozialen Status bringen, während sie jene, die ihnen den Rücken freihalten würden für ihre eigene Karriere, eher uninteressant finden. Ein Mann, der seine Kinder pflegen und Zeit mit ihnen verbringen will, stößt nicht nur auf die Verachtung der „alten“ Männer, sondern auch auf den Widerstand der Frauen, die gerade im Zuge der Emanzipation die volle Macht über wenigstens diesen Bereich des Lebens erkämpft haben und gar keine wirkliche Veränderung der Rollen mehr wollen: den historisch gewachsenen Verantwortungs- also auch Machtbereich zu teilen ist anstrengend und verunsichernd, das gilt nicht nur für die Old Boys! Dabei sind auch die Versuche, weibliches Verhalten per se als vernünftiger und natürlicher zu begreifen, eher kontraproduktiv, denn sie verschleiern das kulturell Gewachsene dieser Verhaltensweisen und ihre Funktion innerhalb bestimmter Machtverhältnisse. Es ist natürlich eine Versuchung, den „naturnäheren“ Bereich der Kinderpflege und Ernährung behalten zu wollen, zumal die traditionelle Hausfrau in ihrem angestammten Feld relativ große Autonomie genießt, gemessen an den vielfältigen Anpassungszwängen, die das Erwerbsleben beherrschen. Wenn die Frauen sich die ganze Vielfalt menschlicher Tätigkeiten erobern wollen, müssen sie auf das Gefühl größerer Natürlichkeit verzichten, das zu der alten Rolle als Mutter und vielleicht noch Gesellschaftsdame so gut passte! Auch die vielgepriesene höhere „soziale Intelligenz“ muß als Reflex auf die alten Rollen und als Hindernis in anderen Bereichen erkannt werden, um nicht einer Mystifizierung des Weiblichen zu dienen, die sich zwar gut anfühlt, aber die Machtverhältnisse unangetastet läßt! Die Fruchtlosigkeit der Mystifizierung des Geschlechtes zeigt sich schon in der Geschichte des Patriarchats, die ja auch eine der Glorifizierung von Männlichkeit ist: die damit einhergehende Verarmung der Vorstellungen von dem, was das Leben des Einzelnen lebenswert macht, sollte der feministischen Theorie Warnung genug sein. Auch den nach Emanzipation strebenden Männern sollte das Männliche, dessen Fragwürdigkeit schon vertrauter ist als den Frauen ihre erstmal als wertvoll erkämpfte Weiblichkeit, tendenziell egal werden zugunsten der menschlichen Einzigartigkeit und Wandelbarkeit. Es muß wirklich ins Bewußtsein dringen, daß die Identifikation mit dem eigenen Geschlecht und den daraus erwachsenen Fähigkeiten eine vor-menschliche Krücke darstellt, die allen Bestrebungen nach selbstbestimmtem Leben zuwiderläuft. Natürlich können diese leicht anzapfbaren Quellen kollektiver Energie temporär hilfreich sein, aber für das Bewußtsein sind sie eine Verengung und für den Menschen ein Irrtum. Erst jenseits dieser Vorstellungen können Männer Mütterlichkeit und Frauen Sachlichkeit entwickeln, ohne sich für entfremdet oder unnatürlich zu halten! Denn schauen wir doch hin: Es gibt die Frauen, die sachlicher über Steuerrecht dozieren können als ihr Chef, und es gibt die Männer, in deren Armen Kleinkinder besser schlafen als in denen der Mutter! Es gibt überhaupt nur Menschen mit je persönlichen Fähigkeiten und der Möglichkeit, zu lernen, was sie wirklich interessiert. In diesem Zusammenhang wünsche ich mir von den Männern, daß sie um ihre Kinder kämpfen wie die Frauen um ihre Karriere, nicht gegeneinander, sondern gegen die alten und neuen Vorstellungen von dem, was „natürlich“ ist; denn Menschsein bedeutet, über Natur hinauszugehen (nicht sie zu bekämpfen) und Kultur zu schaffen in einem selbstbestimmten Leben. Venceremos!

Deutsche Leitkultur (2005)

Deutsche Leitkultur?

Der von Konservativen immer wieder aufgebrachte Begriff der „deutschen Leitkultur“ ist in dem verwendeten Zusammenhang von Integration und Verfassungstreue Ausdruck einer Verwirrung, die die ganze Diskussion prägt und auch eine deutsche Erfahrung als nicht ausreichend verstanden widerspiegelt.

Das wird an der Stelle offenbar, wo für die Werthaltigkeit der „Leitkultur“ Beispiele angeführt werden wie „die Stellung der Frau“ oder „Pluralismus“ und „Trennung von Kirche und Staat“. Alle genannten Errungenschaften sind nämlich gar nicht Ausdruck unserer Kultur, sondern der „westlichen“ Zivilisation, die vor garnicht so langer Zeit noch als Bedrohung der deutschen Kultur angesehen wurde. Als Beispiel seien nur Thomas Mann und seine „Betrachtungen eines Unpolitischen angeführt. Es bedurfte in Deutschland erst der Erfahrung des Nationalsozialismus, um die Erkenntnis zu gewinnen, dass eine Kultur, die sich dem Zivilisationsprozeentgegenstellt, zum Scheitern verurteilt ist. Dass die Menschenrechte, die Errungenschaften der Aufklärung, kurz die Zivilisation in ihrem Fortschreiten zu immer größerer Autonomie und Emanzipation ein höherer Wert sind als jede immer partikulare Kultur, wird in dieser Diskussion um Integration und Leitkultur nicht gerne gesagt: wenn es überhaupt begriffen wurde.

Es handelt sich nämlich um eine schmerzhafte Erkenntnis: dass das Eigene unter Umständen das Falsche, schädliche sei; es ist nämlich immer die Kultur das eigene, während die Zivilisation so allgemein daherkommt, dass es kaum möglich ist, in sich abgrenzender Weise darauf stolz zu sein. Sich mit dem Zivilisationsprozess zu identifizieren ist ein Bewusstseinssprung, den vor allem konservative Politiker ihren Wählern gerne ersparen würden; sie bieten dann lieber doch noch einmal die „Nation“ als Identifikationsobjekt an, verschweigend, dass sich dieser Rückschritt kaum von dem unterscheidet, was bei der muslimischen Bevölkerung unserer Städte beklagt wird.

Diese innere Stabilisation durch Abgrenzung ist aber eine Regression, die von verantwortungsbewussten Politikern und Intellektuellen nicht gefördert, sondern immer wieder hinterfragt werden sollte, wenn das Gerede von den „westlichen Werten“ wirklich ernst gemeint ist.

In diesem Sinne ist es aber auch eine (nicht nur) deutsche Erfahrung unserer Mehrheitsgesellschaft, dass die vielleicht wertvollsten Inhalte der einzelnen Kulturen garnicht so bedroht sind von der Zivilisation, vielmehr sich die eigentlichen Schöpfer dieser Kultur durchaus besser entfalten können in einer Atmosphäre geistiger Freiheit, wie sie unsere Verfassungen zu schützen versuchen. Es ist aber ein wirkliches Interesse an kulturellen Dingen dazu nötig und nicht der Hass auf scheinbare Feinde. Ich denke, es sollte möglich sein, diese Erfahrung zu vermitteln: dass Integration auch kulturell überlebbar und sogar förderlich ist.

Nun sind für uns (noch mehr vielleicht für Franzosen und Amerikaner; wir haben uns unserer Revolutionäre immer geschämt…) die Werte der Aufklärung etwas gewachsenes, aus unserer eigenen Kultur herausgewachsenes, das nur den Rückständigsten fremd erscheint; für einen Muslim, der die Auflösung patriarchalischer Strukturen und amerikanische Gewalt in einem Zusammenhang erlebt, wird es wesentlich schwieriger sein, Aufklärung als Befreiung zu begreifen. Eine Gewöhnung an kulturelle Brüche, wie wir sie erfahren mussten, lässt sich nicht im Eildurchlauf nachholen, noch auch das gelassene Vertrauen erwerben, das dazu nötig ist, kulturelle Identifikationsmuster immer wieder aufzugeben, ohne die Erfahrung, dass es sich lohnt um immer größerer Autonomie willen: Bis die kulturellen Zwänge wirklich als entfremdende nicht nur begriffen, sondern sogar empfunden werden.

Wir hatten nach dem zweiten Weltkrieg eine lange Zeit, all dieses einzuüben, bis es die 68er sogar selbsttätig anwenden konnten: ihre Kultur ablehnen um der Menschheitsbefreiung willen; heute ist ihnen das gerne peinlich, und sie preisen die Verbundenheit anderer Völker mit ihrer Kultur und lamentieren gar über den Werteverfall in unserer Zivilisation. Es war ja auch nicht das Ziel, das Eigene zu verleugnen: Es zu relativieren und den übergeordneten Wert der fortschreitenden Aufklärung zu vertreten, ohne sich deswegen entwurzelt oder kastriert fühlen zu müssen, darum geht es. Wenn wir das können und uns Unserer sicher sind, können wir wirkliche Integration anbieten: weil wir uns selbst integriert haben, unsere eigenen Werte nach wesentlichem und „Sekundärtugenden“ sortiert und Freiheit und Emanzipation als höherwertig, aber nicht feindlich begriffen haben. Lassen wir den Menschen dieselbe Zeit, Aufklärung als Selbstermächtigung und Befreiung zu begreifen, wie wir sie hatten, aber bestehen wir darauf, dass die Menschenrechte bei uns gelten, ohne kulturelle Rücksichten. Es ist immer Zeit für einen selbstbewussten Verfassungspatriotismus, für den unsere Konservativen ihr Volk nach wie vor für zu dumm halten. Es ist auch etwas mehr Mut nötig dazu, das öffentlich zu vertreten, als dem Volk nach dem Mund zu reden und die Leute mit einer imaginären, quasi angeborenen Teilhabe an einer „deutschen Leitkultur“ zu bauchpinseln.

Tierkreis und Tonart

Vorwort

Tierkreis und Tonart“: Ein Thema, das jeder kritischen Bearbeitung zu spotten scheint, alle esoterischen Klischees in sich vereinigt, eine Spielwiese für unkritische Theorien und Ideologien….Ausgangspunkt meiner Untersuchungen war Ärger über die einzigen Bücher, die ich zu diesem Thema finden konnte: Aus anthroposophischer Perspektive geschrieben, ohne Bezug auf reale (d.h. errechenbare) Töne, die Umlaufzeiten oder anderen kosmischen Rhythmen entsprechen, ohne Berücksichtigung der Veränderung des Kammertones, ohne ideologiekritische, historische Perspektive. Des weiteren ein Übergewicht der Wagnerschen Musikdramen, wobei vor allem hier allerlei ideologische Versatzstücke, vermengt mit Steinerscher Philosophie, die als offenbarte Wahrheit die Grundlage des ganzen Projektes bildet und leider die bewunderungswürdig gründliche Beschäftigung mit diesem Thema für kritische Geister (auch die soll es unter Musikern, ja sogar unter Astrologen, geben) unbrauchbar macht. Dabei scheint mir das Zitieren Wagnerscher und anderer Opern ein methodischer Kniff zu sein, die naturgemäß schwer zu verbalisierenden Gehalte von Musik gleichsam am Operntext abzulesen; entsprechend kommen die Instrumentalwerke von Mozart bis Mahler eher marginal vor und es kommt sogar zu solchen Urteilen wie dem, Mozart habe in seinem Don Giovanni den „eigentlichen“ Gehalt des D-Dur verfehlt (sinngemäß)….Anstatt aus dem Gebrauch der Tonarten in der „freien“ Instrumentalmusik etwas über diese und die zugeordneten Tierkreiszeichen zu lernen, wird anhand von Steinersprüchen die angemessene Verwendung durch die Komponisten beurteilt….Genug davon: in meinem Zweifel musste ich natürlich die ganze Methode, die scheinbar so passende und runde Zuordnung der 12 Tonarten zu den 12 Tierkreiszeichen in Frage stellen; das Ergebnis dieser Befragung der symphonischen und konzertanten Musik der klassisch-romantischen Epoche auf diese Zuordnung stellen die nachfolgenden Beschreibungen dar. Mit dem Mut zur Lücke beschränke ich mich auf die „große“ Orchester- und Kirchenmusik, die als „öffentliche“ besonders allgemeine Aussagen machen kann. Wo ich mich auf Planetentöne beziehe, meine ich die durch Oktavierung errechenbaren Töne der Umlaufzeiten um die Sonne, die Umdrehung der Erde um sich selbst (Tageston) und des Mondes um die Erde, ferner des Kreiselzyklus der Erdachse und des Sonnenfleckenzyklus. Diese Töne fallen durch das immer höhere Stimmen des Kammertons natürlich auf andere Tonnamen als zu Mozarts Zeiten, woraus sich durchaus bedenkenswerte Veränderungen in der Bedeutung der Tonarten im historischen Verlauf ergeben. In einem Extrakapitel werde ich noch auf die Bedeutungen dieser Veränderungen für das Verständnis der geschichtlichen Vorgänge eingehen, im Sinne eines wechselseitigen Beleuchtens der verschiedenen Ebenen menschlichen Verstehens.

C-Dur / Widder

Mit Pauken und Trompeten kehrt zur Frühlings-Tag- und Nachtgleiche das Licht zurück, und traditionell kommen in dieser Tonart Pauken und Trompeten zum Einsatz. Der Ton des Sonnenfleckenzyklus, heute ein h, muss früher ungefähr dieses c gewesen sein, das den Ausgangspunkt, das „Es werde Licht“ des Quintenzirkels markiert. Und so findet auch die höfische Repräsentation als irdischer Widerschein dieser solaren Ausstrahlung, der Glanz der Macht, hier ihren Ausdruck. So haftet dem C-Dur schon bei Mozart immer etwas steifes, ernstes, wenig verspieltes an (Symphonie Nr.34, Klavierkonzert Nr.21), selbst wo es wirklich bewegter wird wie im Finale der Jupitersymphonie, bleibt dieser Zug ins Große, Repräsentative. Dieser würdevolle Zug findet sich auch in Beethovens Tripelkonzert, in Schumanns 2.Symphonie, noch in Wagners Rienzi- und Meistersinger-Ouvertüre. In Schuberts C-Dur-Symphonie oder dem Alphornthema aus Brahms´ Erster scheint mehr die Sonne selbst als ihre irdischen Repräsentanten., bis hin zur reinen „Es werde Licht“-Metaphorik in Haydns Schöpfung oder dem „Großen Mittag“ in Straussens Zarathustra. Oft ist es gerade der Durchbruch des Lichts, der marsisch-kämpferische Sieg des Willens wie in Beethovens 5ter: Es ist kein metaphysischer Triumph; nicht zufällig findet Mahlers Auferstehung aus c-moll nicht in C-Dur statt, vielleicht auch weil das katholische C-Dur durch Mozarts Krönungs- und Spatzenmesse gründlich diesseitig gefärbt wurde. Auch das majestäötische Te Deum von Bruckner scheint in seinen strahlenden C-Dur-Teilen eher an irdische Vorstellungen von Macht und Größe anzuknüpfen. In C-Dur ist der Kampf meistens schon gekämpft, steht das Kriegerische ernst und siegreich schon – wo es in sich Kampf und Zweifel birgt, ist es gleich schon mehr a-moll (Schumanns 2.). Das Selbstbewusstsein kann in die Behäbigkeit der „Rheinischen„(2.Satz) ausarten oder die Protzigkeit der Meistersinger, sich auch lärmend und lustig gebärden wie im 3.Satz der 4. von Brahms, es klingt doch selten fröhlich im Sinne von: entspannt! Aber ist Mars je wirklich entspannt?Am ehesten noch bei Mozart, in der Gelassenheit der Symphonien Nr.34 & 41, wirkt das Abgesetzte, Höfische fast ironisch und unernst. Oder in den Messen, die unverkennbar die Prachtentfaltung auf engstem Raum mit Pauken und Trompeten – genießen (allen Klagen über die Krampfadern des Erzbischofs, denen die gedrängte Kürze dieser Musik sich verdankt, zum Trotz)! Und wo die Entspannung nach dem Durchbruch zu lange sich feiert (Brahms, Finale der 1.), kann sich fast eine gewisse Lauheit breit machen; etwas förmliches, gewolltes haftet dieser Fröhlichkeit immer an, herrlich karikiert im „Allegro Ordinario“ aus Mahlers 7ter; zur vollen Kraft findet in dieser Tonart immer ein eher ernster Optimismus, ein mit Entschluund Wollen verbundener, gewissermaßen „unter Waffen“ (freilich ist mit dem Sieg des Bürgertums und der Aufklärung liberaler Prägung ein wesentliches Kriegsziel verloren gegangen, was der Entfernung des c vom Sonnenfleckenton entspricht). Nur wo die Instabilität der positiven Grundstimmung mitkomponiert ist, kann der kämpferische Impuls nicht sich totlaufen ins immer-schon-Erreichte… vgl. die Frische von Sibelius3ter, die wohl auch die Frische des Frühlings meint und gar nichts steifes und förmliches mehr hat; oder der saftige, hemmungslos naturalistische Sonnenaufgang aus der Alpensymphonie von Strauss, oder das wirklich marsische Hörnerthema von Don Juan – da ist, vielleicht wegen der schon bürgerlichen Zeiten, nichts steifes, nichts wirklich kriegerisches mehr, sondern ganz der moderne Mars: jung, dynamisch und erfolgreich.

a-moll / Widder

Die Kehrseite diese auftrumpfenden, in gewisser Weise auch isolierten Willens klingt in a-moll an: früher auf den Mondton, später auf den Venuston gestimmt, ist es ganz der Schatten zum C-Dur-Licht. Eine Melancholie, die ihre Einsamkeit in fahlen Farben, trotzigen Gebärden oder demonstrativer Wildheit ausagiert. Schumanns Klavier- und Cellokonzert, Mendelssohns „Schottische“, Solveigs Lied von Grieg und in gewisser Weise auch sein Klavierkonzert: überall diese Weichheit, die nur in kurzen, prägnanten Wendungen zu wirklicher Tragik sich aufbäumt, um wieder in Melancholie zu versinken. Auf der anderen Seite eine sozusagen statische Wildheit: alla Turca bei Mozart (Klaviersonate und 5.Violinkonzert), die Tarantella aus Mendelssohns Italienischer, oder die feurigen Finali aus Schumanns Cello- und Brahms´ Doppelkonzert: hier ist schon etwas wie Kampf und Bewegung, aber es drängt doch zu keinem Durchbruch wie c-moll oder d-moll, ist doch die Schattenseite dieses ewig Durchbrechens hier gemeint!, auf die Spitze getrieben in den endlosen Märschen aus Mahlers 6ter, auch hier ohne Wendung ins positive, eine ausweglose, weil den Ausweg als negativ erkennende Tragik; ganz zur Wüste geworden in Sibelius´ 4.Symphonie. Vielleicht malt am reinsten das Allegretto aus der 7. von Beethoven diese kampfesmüde Grundstimmung, die auf wirkliche Durchbrüche nicht mehr hoffen mag: immer noch trotzig auch im Verlöschen; während Griegs Klavierkonzert, von ähnlich trotziger Grundstimmung her, sich im reinen Gefühlsumschwung, nicht durch Kampf!, sondern wie von außen ins A-Dur tragen lässt (seit der Mitte des 19.Jahrhunderts ist der Venuston a!), ähnlich dem weichen Schluss der Schottischen von Mendelssohn.

G-Dur / Stier

Eine ganz andere Welt ergreift uns im vollen Frühling, wenn plötzlich die Natur voll aufbricht und das Wachstum der Pflanzen explodiert. Die Stiertonart G-Dur steht ganz im Zeichen dieser aufblühenden Natur, ist doch g auch der Ton der Erddrehung, des für das Leben vor allem der Pflanzen grundlegenden Rhythmus von Tag und Nacht, Auch die Menschen spüren ihre Triebe wieder und setzen ihre Körper dem wieder wärmenden Licht aus… So wird auch die Venus, die für Liebesgeschichten und überhaupt die sinnlich-ästhetische Seite des Menschen steht, dem Stier zugeordnet. G-Dur atmet immer etwas liebliches und weiches, das bei Mozart ins Unbekümmerte spielt (Flöten-, Violinkonzert) und selbst mit Pauken und Trompeten (Haydns Paukenschlagsymphonie) nie ins Heroische gerät, eher eine fast vegetative oder animalische Daseinsfreude ausdampft. So ist im heroischen Jahrhundert G-Dur als Grundtonart gröerer Orchesterwerke selten. Es ist eher eine Tonart der 2ten Sätze, der verträumten Stimmungen, vom Naturmystiker Beethoven auch als Grundtonart seines 4.Klavierkonzertes gewählt, wo die weichen, erdigen Töne auch ausgiebig zelebriert werden. Ein ganz unirdisches G-Dur findet sich im Benedictus der Missa Solemnis, später mit der Schwere des geborenen Stieres nachempfunden im 2.Satz des 1.Klavierkonzertes von Brahms. Der langsame Satz des Violinkonzertes von Beethoven betont mehr die liebesseelige Seite des G-Dur, aber ebenso ausschwingend in weichen Bögen, feierlich ohne jede Spur des Gewollten… Erst der Wiederbeleber des volkstümlichen Schwunges, Dvorak, wagte mit seiner 8ten wieder eine ausgewachsene G-Dur-Symphonie voller saftiger Lebensfreude, ganz das pflanzenhaft wuchernde Leib-sein, vom Vogelruf des ersten Satzes an. Freilich, das Scherzo steht in g-moll wie ein Hinweis, dass das wirkliche Spiel über die Grenzen des leib-seelischen hinaus in dieser Sphäre noch keinen Ausdruck findet. Dafür komponiert Dvorak sogar ein Te Deum in G-Dur, voller irdischem Jubel und tiefempfundener Religiosität ganz ohne das auftrumpfende etwa von Bruckner, der keinen einzigen G-Dur-Satz hinterlassen hat. Die Mahlersche 4. , „Was mir das Kind erzählt“, findet fast die Mozartsche Leichtigkeit wieder, wenn auch ohne die Frivolität der Rokokovenus; hier klingt mehr Mond, mehr Sehnsucht nach dem Kindlichen bis in die Schilderung des Paradieses hinein, die der Schluss so ergreifend vornimmt. Diese Schluzeilen von der himmlischen Musik markieren vielleicht das Ende einer Epoche, die ungefähr mit Mozarts G-Dur-Klavierkonzert (Nr.17) anbrach: Einer Balance zwischen Wohlklang und Ausdruck, die danach – im Zusammenhang mit der Industrialisierung auch der Kultur samt ihrer Spaltung in U und E – so unbekümmert nicht mehr herzustellen war. Allerdings rundet sich die Mahlersche Beschwörung nicht mehr zum Ganzen: Dieser letzte Satz der G-Dur-Symphonie endet in E-Dur, in der Sphäre des (wieder) kindgewordenen Löwen.

e-moll/Stier

Als Kehrseite dieser leiblichen Seinsfreude finden wir die schwere, elegische Herbheit von e-moll. Ähnlich wie in a-moll wird auch hier selten der Durchbruch ins gleichnamige Dur geschafft, aber das Bestreben bleibt immer spürbar, ein stierisch hartnäckiges Bemühen, das eher stur als kämpferisch nicht aufgeben kann, um am Ende zwar nicht siegreich, aber doch stolz überlebend dazustehen wie im Schluss der 4.Symphonie von Brahms, deren 1.Thema mit seinen immer weiter ausgreifenden Sequenzen wie eine Darstellung des Stiercharakters selbst wirkt. Das ebenso hartnäckige Wiederholen des 8-taktigen Grundthemas im Finale, durch alle Stimmungen hindurch zeigt die bei aller gefühlvollen Weichheit zuchtvoll arbeitende Seite des Stiers, Überhaupt scheint das Sinnliche, Gefühlvolle immer durch, vor allem in den romantischen Konzerten, die solistischen Glanz und individuelles Gefühl in Eins setzen; im 1.Klavierkonzert von Chopin, im Violinkonzert von Mendelssohn (dem romantischen Violinkonzert schlechthin), im Harfenkonzert von Carl Reinicke und dem Cellokonzert von Elgar. Wesentlich kämpferischer im Streben nach einem Durchbruch die 5.Symphonie von Tschaikowsky. Immer wieder durchkreuzt vom „Schicksalsthema“ sucht dieser zerrissendste aller Stiere doch am Ende eine fast gewaltsame Siegesstimmung, etwas Gewolltes, Trotziges haftet noch diesem triumphalen E-Dur an. Heftig auch die 1.Symphonie von Sibelius: wohl wird hier wieder die Natur besungen, aber es ist eine herbe, nördliche Landschaft, deren Aufblühen explosiver, kontrastreicher erscheint als in der Paralleltonart… Am bekanntesten schließlich die Dvoraksche Symphonie „Aus der Neuen Welt“, schon im Titel Naturschilderung, vom Temperament her vor allem im Finale ganz der in Fahrt geratene Stier: mehr Frühlingssturm als Vogelsang.

D-Dur / Zwilling

Mit dem strahlenden D-Dur treten wir ein in die Zeit der längsten Tage, des Frühsommers, der ersten draußen gefeierten Feste und Begegnungen. Die ungestüme, begeisterungsfähige Energie des Zwillings tobt sich hier aus; immer dem Moment hingegeben, aber auch instabil, von plötzlichem Ermatten und Umkippen bedroht: der Jupiterton fis ist hier Terz, eine schwebende, unsichere Stellung neben dem D, das Mars, Merkur und etwas tiefer Saturn besetzen: immer ist die Lebensfreude von Absturz bedroht, und aus dieser Spannung lebt das ernste Spiel. Bei Mozart ist es die aggressivste Tonart, im Violinkonzert Nr.4 noch serenadenhaft leicht, in der Pariser und Haffner-Symphonie schon sehr auftrumpfend, aber anders als C-Dur immer von merkurischer Beweglichkeit, in den Klavierkonzerten Nr.16 und 26 noch solistisch umspielt, aber immer aggressiv optimistisch. Die Schatten des Absturzes aus der hereinfahrenden Gebärde sind voll integriert in der Prager Symphonie, hier ist alles Bewegung und Wechsel, voll aufgeladen mit Energie und doch ganz merkurisch intellektuell durchdrungen, immer wieder kippt die mal verführerische, mal herausfordernde Lebensfreude ins Tragische, immer wieder fängt der spielende Trieb sich im Vorwärts des nächsten Einfalls. Es handelt sich um die erste Lufttonart, etwas von gesellschaftlichem Glanz und Effektfreude klingt hier immer mit, aber es ist nicht der repräsentative Gestus von C-Dur, sondern mehr die Freude an der festlichen Begegnung als solcher: gipfelnd in Beethovens 9ter, wo die verbrüdernde Macht der Freude besungen wird. Ein ähnlicher Schwung beseelt die 2.Symphonie, deren Finale wie ein Bild des Merkur selbst beginnt: pointiert, wie ein Blitz fährt dieses Motiv herein… D-Dur ist aber auch die Tonart des Sonnensystems (zumindest seit der höheren Stimmung um 1850 herum..), alle Planetentöne bis auf Mond und Neptun finden hier Platz, und so liegt es nahe, daauch religiöse, kosmische Bezüge in dieser Sphäre ausgedrückt werden: angefangen von den preisenden Chor- und Trompetensätzen Bachs (allerdings noch auf dem Jahreston, heute cis), weiter die Violinkonzerte von Beethoven und Brahms, in ganz besondere Weise auch des letzteren 2.Symphonie atmen diese kosmische Ruhe, die das widerstrebende, zweifelnde in ganz innigen, auch traurigen Passagen mit hineinnimmt in das unablässige Strömen; erwähnt sei auch das Finale von Mahlers 3ter: „Was mir die Liebe erzählt“ könnte die Essenz der Zwillingstonart heißen… In ganz eigener Weise ist das Instabile mit dem kosmischen verbunden in Sibelius`2ter, wo die Naturidylle ständig durchkreuzt wird von tiefen Abstürzen, bis sich im Finale ein wirklich seeliges, innerlich triumphales D-Dur durchsetzt. Aber es ist etwas überschäumendes in dieser Liebe, von Don Giovanni über Beethovens Neunte und Missa Solemnis läßt sie sich nicht zweierweise begrenzen, sondern umgreift tendenziell alles lebendige, ist ganz die Energie des Austausches und der Kommunikation. Ob in schwärmerischer Weise wie im schon fast schmerzhaft traurigen 2.Satz der 5ten oder im Finale der 6ten von Tschaikowsky, wo schon mehr Moll als Dur zu tönen scheint, oder in der stockenden, ständig vom Versiegen bedrohten Innerlichkeit von Mahlers 9ter: immer klingt die Ahnung mit, dass es nicht mehr heller geht, dass nach der Sonnenwende der Weg ins Innere, aber auch dunkle führen muss.

h-moll /Zwilling

Das Gewahrsein des Wechsels, der anderen Seite, das das reife D-Dur zeichnet, führt in h-moll einerseits in eine gewisse Neutralität, andererseits zum Gefühl der Unmöglichkeit wirklicher Veränderung, da jedes Umschlagen vorläufig und keine Überwindung irgendeines Leidens sicher genannt werden kann…. Am aussichtslosen Pol finden sich so tragische Gestaltungen wie Schuberts „Unvollendete“ oder die „Pathetique“ von Tschaikowsky (auch die Schwanensee-musik lebt aus dieser Tonart), beide mit großen Aufschwüngen in den Seitenthemen, aber keiner dauerhaften Überwindung, ist es doch das Flüchtige selbst, das hier beklagt wird (oder klagt?). Gemeinsam ist vielen h-moll-Themen die offene, suchende Gestaltung, entweder so sehnsüchtig sofort die Tonart überschreitend wie bie Schubert, oder wie in Fetzen bei Tschaikowsky; gezackt, herbe, aber auch nicht eben geschlossen das Hauptthema des Cellokonzertes von Dvorak, von der Gefühlswelt her eher am neutralen Ende. Ähnlich Wagners Walkürenritt: nur ein rhythmisches Motiv, das potentiell endlos sequenziert werden kann: ein Beispiel für die bewegten Naturbilder, die in h-moll bevorzugt geschrieben wurden, vielleicht weil die Neutralität und letztlich Entwicklungslosigkeit dem Beschreiben elementarer Bewegung entgegenkommen: Die Moldau fließt aus h-moll, Mendelssohns Hebriden-Ouvertüre.,.. auch der Anfang der Unvollendeten mit den schwirrenden Geigen atmet diese Bewegung (der Ritter der Schwerter hubschraubert hier). Ein Nachhall davon noch im hin- und herspringen des Themas zwischen den Geigen im Finaladagio der Pathetique, das die ganze Tragik der Vergänglichkeit so ergreifend beweint, am traurigsten freilich im D-Dur-Seitenthema! Das gezackte Hauptthema von Pfitzners Violinkonzert ähnelt dem oben erwähnten von Dvorak in seinem Pathos bei gleichzeitiger Kühle: die von D-Dur schon bekannte Freude an der kräftigen Gebärde führt auch in Moll zu keiner gefühlsmäßigen Festlegung… Auch das ruhige Fließen im Klarinettenquintett von Brahms weist in diese neutrale Sphäre, bei leiser Melancholie…. „Ases Tod“ von Edvard Grieg beleuchtet in immer verschiedenen Färbungen diese Fragen, steigert sich in Schmerz? in Pathos? Erinnerung? Um eher müde als gestillt zu verlöschen… Antworten sind in dieser Tonart nicht zu finden, außer im Naturbild, wo die Bewegung sich selbst genügt…

A-Dur/fis-moll: Krebs

Mit der Sonnenwende vom Zwilling zum Krebs wird der höchste Sonnenstand durchschritten, werden die Tage wieder kürzer, muss der Sommer in vollen Zügen genossen werden. So findet sich auch im A-Dur eine Tendenz zur Verinnerlichung, Vertiefung nach dem äußeren und spielerischen Glanz von D-Dur. Zu Mozarts Zeiten noch entsprach das a der oktavierten Frequenz des Mondumlaufs, war also noch klarer mit dem mütterlichen bzw, kindlichen Element in Resonanz (das heutige a entspricht mehr der Venus, tendenziell kein so sehr großer Kontrast…). Bei Mozart schon finden wir dieses weiche, seelige A-Dur, in der Symphonie KV 201, vor allem in den wie jenseitigen Klarinettenwerken der Spätzeit, die eine Wehmut durchweht, die das Dur vergessen macht… Ein ähnlicher Ton klingt schon im Bachschen Konzert für Oboe d`amore an, dem A-Instrument schlechthin (neben der Klarinette). Im Violinkonzert von Mozart (Nr.5) der seltsame Adagioeinschub im Anfang: überall Aufweichung, Verinnerlichung— Auch das Hauptthema der 6ten von Bruckner steht nicht wirklich in Dur, eher in phrygisch mit großer Terz, verschleiert wiederum das klare A-Dur, wie es in ganzer Zartheit (da war a schon auf Venus gestimmt) Wagner in seinem Lohengrin-Vorspiel zum Leuchten bringt. Wo das A-Dur dennoch für eine klar optimistische oder sogar jubelnde Stimmung benutzt wird, gerät wenigstens der Rhythmus anders als in D oder G: der schnelle 6/8 der „Italienischen“ von Mendelssohn, vor allem aber der 7ten von Beethoven spricht vom vollen Jubel des Sommers, dem reinen Genuss, aber frei von jeder äußerlichen Prachtentfaltung, seelig in den fast sich überschlagenden Hörnern…hier kann eben der Rhythmus auch so radikal die Führung ergreifen wie im Finale, selbstvergessen stampfen – das Reich des Mondes ist eben auch das der Enthemmung und darin wieder Auflösung…. Es gibt kaum ein Scherzo in A-Dur, aber eines der wenigen romantischen Menuette: das der Italienischen: wieder dieses (fast zer-)fließen, ähnlich der Stimmung der 2ten Serenade von Brahms, der das A-Dur sonst vor allem in den Seitenthemen der 3.(wieder fließen, wieder Klarinetten) und der 2ten Symphonie (fis-moll hier, aber welche Seeligkeit spricht sich hier aus!) verwendet. Es ist eben wirklich ein vor allem seelischer Bereich, der gerne in langsamen Sätzen betreten wird wie dem der 2ten von Beethoven oder der Schottischen von Mendelssohn. Das 2.Klavierkonzert von Liszt ist eines der wenigen großen konzertanten Werke, die gleich in dieser Sphäre anheben. Ein anderes nicht-Scherzo ist die Valse aus der 5ten von Tschaikowsky mit dem fis-moll-Trio, das auch wieder über den Takt hinwegschleiert… In fis-moll ist eigentlich kein großer Kontrast zu spüren: die Wehmut des 2.Satzes von Mozarts Klavierkonzert Nr.23 ist so ungetrübt von jeder Theatralik; im ersten Aufklagen die missmutige Terz unter der Dominante, das Fehlen jeder wirklichen Veränderung: schon der erste Aufschwung nach A-Dur versandet in Moll, und auch der Mittelteil klingt mehr nach Erinnerung als nach Hoffnung…ganz anders übrigens als im Allegretto der 7ten von Beethoven, wo das A-Dur als Kontrast zum a-moll wirkliche Hoffnung verbreitet… aber in der rein seelischen Welt der 3 Kreuze gibt es keine wirkliche Kraft zur Veränderung (vielleicht auch keine Veranlassung…), nur die Stärke der Empfindung, die durch den Schmerz hindurchgehen kann oder dem Wasserelement ausgeliefert ist wie Peer Gynt im „stürmischen Abend an der Küste“.

E-Dur / Löwe

In der heiesten Zeit des Sommers, wenn schon viele Tage mit sehnsüchtig erwarteten Gewittern enden, bleibt für groe Aktivitäten wenig Kraft, liegen die meisten Menschen im Schatten oder in der Sonne und geben sich dem entspannten Selbstgenuoder der vollen Sonnenenergie hin… Die 7.Symphonie von Bruckner scheint ganz aus dieser ruhigen Wärme geboren, die Farben von Cello und Horn, aufsteigend bis zum leuchtenden h, dem Ton des Sonnenfleckenzyklus… Von ähnlicher Breite der Pilgerchor des Tannhäuser: das gravitätische, würdevolle des Löwen direkt in Musik gesetzt… Viele langsame Sätze stehen in E-Dur, angefangen mit dem des 5.Violinkonzertes von Mozart mit seiner verzauberten Innigkeit… Die Nächte sind warm in dieser Zeit und voller Irrlichter wie in der Sommernachtstraum-Ouvertüre oder dem Finale des Violinkonzertes von Mendelssohn. Nicht eigentlich Sehnsucht, eher meditative Ruhe bestimmt das Adagio aus Beethovens 3.Klavierkonzert; wehmütige Eintrübungen wie im Andante aus Brahms` 4.Symphonie werden immer wieder in schwärmerische, fast jubelnde Töne gelöst; das Adagio der 1. Schwelgt ganz im – eigenen – Gefühl, auch Schubert in der Unvollendeten, bevor er ins klagende cis-moll wechselt. Wo das E-Dur beschwingte Töne anschlägt, sind es eher leichte, tänzerische Rhythmen, mit Feuer bei Schumann (Ouvertüre, Scherzo und Finale) oder in der Fidelio-Ouvertüre, verspielt in der Streicherserenade von Dvorak, mit Glanz und fast übertriebenem Jubel im Mittelteil der Tannhäuser-Ouvertüre – die Wärme der Sommernacht lässt alles im Leichten, Luftigen, wo der tierische Ernst des Begehrens sich nicht mit ganzer Leidenschaft ausdrücken kann. Selbst im Schwanengesang Bruckners, dem Adagio der 9ten, gibt es zwar ekstatisch-erschreckende Ausbrüche, aber nicht schicksals-tragisch, sondern wie in ferne Himmel: wie aus dem Firmament bricht das Licht anderer Sonnen in einen immer ruhigen, heiter-erleuchteten (oder sollte es heißen: leuchtenden?) Geist… denselben durchsichtigen Geist, der auch die Morgenstimmung von Grieg so frei von störender Reflexion geschehen lassen kann. Selbst der Schluß von Tschaikowsky`s 5.Symphonie klingt in all seinem Schmettern nicht nach Überwindung und Sieg, sondern eher, als hätte er sich der Möglichkeit dieser Gelassenheit gerade noch rechtzeitig erinnert… Der Sphäre des Selbstgenusses gehört auch die Virtuosität Chopins im Finale des 1,Klavierkonzertes an, immer im leichten, poetischen Ton zeigt der Solist seine Zaubereien, die auch Spiele mit sich selbst sind.

Cis-moll / Löwe

Aber diese entspannte Sphäre lässt auch Traurigkeiten fühlen, die nur in der Ruhe aufsteigen können: fast unhörbare Klagen meistens der Holzbläser, wie über endlose Weiten geweht: in der Unvollendeten, im Largo der „Neuen Welt“ von Dvorak… Die Mondscheinsonate von Beethoven umspielt das gis, das heute Mondton ist, so ausgiebig, dass der Titel wahrscheinlich erst einer Zeit nach der Rückung unseres gesamten Tonsystemes entstammt… Der Grundton cis ist der Om-Ton der Inder, der Jahreston des Umlaufes der Erde um die Sonne, den auch die Tuben im Adagio der 7ten von Bruckner anstimmen, freilich in Moll, das immer im Gefühlsbereich bleibt und das Löweselbst nicht wirklich transzendiert… So klingt uns die Klage des in aller Würde vereinzelten Individuums aus dieser Tonart entgegen, weht uns an von anderen Sonnen, als wir selbst sind oder schmettert auch wie die Trompete am Anfang der 5.Symphonie von Mahler.

H-Dur / Jungfrau

Wenn im Spätsommer die Gewitter die Ernte zu verhageln drohen, gilt es, an den bevorstehenden Winter zu denken und die Früchte einzusammeln. So haftet den Jungfrau-geborenen auch oft etwas kalkulierendes, vernünftig-kühles an, wie die ersten kühlen Winde und Abende uns mit leiser Wehmut erfüllen… Interessanterweise hat die Jungfrau Bruckner das H-Dur nie zur Grundtonart eines einzigen Satzes gemacht, sogar in der E-Dur-Symphonie es als Tonart der Seitenthemen vermieden…aber mit Ökonomie hat die Brucknersche Prachentfaltung ja auch wahrlich wenig zu tun… Um so mehr H-Dur finden wir bei Brahms: Im 2,Satz der 2.Symphonie zeigt es einen selbst für Brahms sehr ensten Charakter, aus wenigen Tönen in dunkler Farbe lebt diese Melodie, hält sich in immer der gleichen Lage in immer neuen Formungen auf. Ähnlich ökonomisch das Seitenthema der Romanze aus der 4ten: wie ein Bild der Reinheit schwebt die in einfachen Stufen und Wiederholungen gehende Melodie und ist doch bei aller Sparsamkeit der Mittel voller Gefühl… Ganz anders das Trio der 1.: Bewegung, Aufruhr, aber auch hier wieder diese Umkreisung engbegrenzter Tonfolgen… Dieses Merkmal findet sich auch im Seitenthema des Finales der d-moll-Symphonie von C.Franck – fast störrisch diese Wiederholungen von ein paar Tönen… Etwas weiter ausgreifend der 2.Satz von Beethovens 5.Klavierkonzert, hier ganz im Dienste einer Reinheit, die an das Bild der Jungfrau denken lässt: schnörkellos dieses Gebet, schlicht an der Oberfläche mehr als in der ganz durchseelten Atmospäre… Auch das einzige gis-moll-Stück, das mir begegnete, der 2.Satz aus Sibelius 3ter, atmet diese unaufgeregte (scheinbare) Einfachheit, eine Melancholie, die – ganz Jungfrau – keine Umstände machen will.. sehr zart auch das erste Seitenthema der 4.Symphonie von Tschaikowsky, in wenigen Tönen schwebend über dem 9/8-Walzer, ganz ähnlich der Mollvariation im Andante der 5ten von Beethoven.

Fis-Dur / Waage

Vollends den Bereich der in der symphonischen und konzertanten Musik gebräuchlichen Tonarten verlässt das Fis-Dur. Dabei ist die Waagezeit der Feste und des Dankes, des frischen Weines und der Geselligkeit eigentlich auch die Zeit der Musik als gesellschaftlicher Aktivität…Aber dem Prinzip der Gegenseitigkeit entspricht wohl nicht wirklich eine Musik, die vom Individuum erdacht und für ein „Publikum“ gespielt wird…Dabei ist es eigentlich eine entspannende Schwingung, die der Jupiterton fis mit sich bringt. Sie klingt an im Scherzo aus Bruckners 4., wie hingelagert auf Almen zum gemeinsamen Picknick zwischen dem Hochgebirgs-B-Dur des Hauptteils. Es-moll ist auch zuerst die Tonart des Finales, zumindest des Hauptthemas, freilich eher als gesteigertes Es-Dur. Ein friedliches Fis-Dur schlägt Sibelius an im 2.Satz der 2.Symphonie, als Seitenthema, das wie eine Vision in trostlos zerklüftete Nebellandschaft leuchtet…vielleicht ist Fis-Dur wirklich noch ein Vision, wie die Waagewelt aussehen mag.. Jedenfalls der größte Kontrast zur Selbstbehauptung des C-Dur, des eigentlichen Grundtones unserer Zivilisation… Als es-moll in der Manfred-Ouvertüre von Schumann zeichnet es das Bild eines zerrissenen Charakters, dem echte Beziehungen nicht glücken wollen…Im „deutschen Requiem“ von Brahms wird die Vision noch als eine jenseitige beschrieben: „so seid nun geduldig“ singt sein Chor in Ges-Dur… Mehr die trunkene Seite der Waage malt das Menuett aus der Abschiedssymphonie von Haydn: ein dem D-Dur verwandtes Taumeln am Abgrund, der Abschied vom Sommer, die ersten herben Farben brechen ein in heitere Tanzstimmung. Das schwankende der Waage durchkreuzt auch das feierliche es-moll in Schumanns Rheinischer (4.Satz): In den Posaunen klingt die kontrapunktische Tradition der altehrwürdigen Meister an, bis zur Schwammigkeit umspült von seltsam unscharfen Streicherfiguren – wie ein Bild der unsteten Waage und ihres Hanges, sich an Bewährtes anzulehnen. Ambivalenz beschreibt auch das Seitenthema des Finales der 3ten von Bruckner in dem gleichzeitigen Erklingen von Choral und Tanzweise.

Des-Dur / Skorpion

Etwas gebräuchlicher ist das Des-Dur als Tonart nicht des Todes, sondern des Sterbens, des Abschiedes vom körperlichen Sein; ist es doch die dunkelste Zeit des Jahres: noch haben die Bäume ihre Blätter, verdunkelt schwerer Nebel und Vergänglichkeitsgeruch die Luft und die Hoffnungsvision des Schützen ist noch nicht in Sicht; noch geht es abwärts und ist doch schon kalt und dunkel. Trotzig gibt sich das 1.Klavierkonzert von Tschaikowsky, feiert in der pathetischen Einleitung noch einmal das berleben der Seele, bevor im b-moll-Allegro die Fetzen (der individuellen Existenz?) fliegen. Großes Pathos auch bei Brahms: „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“ singt der Chor unisono im „deutschen Requiem“, und in dem instrumentalen Wühlen, unablässigen chromatischen Drängen klingt schon die Verwandlung an, für die hier vergangen werden soll…wie von Novemberluft und früher Dämmerung unendlich melancholisch der 2.Satz aus der 4ten von Tschaikowsky, die einsame Stimme der Oboe, ganz ähnlich dem berühmten Englischhorn aus der „Neuen Welt“ von Dvorak. Aber welche Spannweite der Empfindungen vom b-moll nach Des-Dur! Einsames Englischhorn

auch in der d-moll-Symphonie von Franck (2.Satz), aber hier deutet sich schon die transzendente Gleichzeitigkeit von allem an, wenn das Scherzoschwirren der Streicher sich mit der traurigen Melodie vermählt. Wie friedlich aber die langsamen Sätze in Des-Dur, angefangen bei Dvorak (s.o.): im Klavierkonzert von Grieg ist es ein fast schon jenseitiger, gänzlich gelassener Frieden. In der Meditation des Adagios der 8ten von Bruckner entfaltet sich ein Klangstrom wie in einer anderen Zeitdimension, der alle Wehmut und Verzückung der Seele im Angesicht des Ewigen auszudrücken scheint…“Da hab ich einem Mädchen zu tief ins Auge geblickt“ der erstaunliche Kommentar des Komponisten… Deutlich die beruhigende Wirkung des Jahrestones des/cis, des Om-Tones der Inder, während das f des Erdachsenkreisels als Terz Aufhellung bringt und das as von Mond und Neptun für Weichheit und Auflösung steht…

As-Dur / Schütze / f-moll

Immer noch zum absteigenden Bereich des Tierkreises zählt die Schützezeit, die dunkelste des Jahres – aber wie im Zwilling die Ahnung des Absturzes in die Helligkeit, bricht hier die Hoffnung auf das Licht in das Dunkel, werden Kerzen entzündet, religiöse Hoffnungen kultiviert: „Advent“ heißt diese Zeit auch traditionell… In f-moll allerdings wird erstmal das Dunkel beklagt und bekämpft, sehr eindrucksvoll und wuchtig in der Egmont-Ouvertüre von Beethoven: eine schwere Sarabande, der ein beschwingteres, fließendes Allegro folgt, ohne wirklich an Schwere zu verlieren… Im Dreiertakt auch der 1.Satz der 4ten von Tschaikowsky mit dem hämmernden Schicksalsmotiv und dem fließenden Allegro im 9/8-Takt. Hier ist keine Hoffnung, bei Beethoven das religiöse sogar noch Teil der Unterdrückung, aber in beiden Werken wird am Ende das Dunkel überwunden, einmal durch den Sieg des Befreiungskampfes (Beethoven), bei Tschaikowsky durch Hingabe an eine Volksfeststimmung… Unabänderlich dagegen rollt das Gewitter der Pastorale über uns hinweg, bleibt aber Episode… Im Finale der 3.Symphonie von Brahms beruhigt sich nach allerlei Kämpfen die Seele im fast resignativen F-Dur, erlöst im inneren Frieden… Die ganze Spanne zwischen den Polen des Tierkreises durchmisst das Finale von Mahlers 1.Symphonie: vom Verzweiflungsschrei des Anfangs, dem jedes Thema banal wird neben den Ausrufen der Bläser bis zum fast übersteigerten Jubel des Endes in D-Dur. Ein gänzlich ergebenes f-moll im Kyrie der 3.Messe von Bruckner, dem wiederum D-Dur folgt als Tonart des Gloria. As-Dur hingegen findet sich häufig als Tonart langsamer Sätze, bei Mozart im c-moll-Konzert oder in der Symphonie KV 543, mit dem f-moll-Einbruch: Es bleibt ein fragiler Ruhepol, immer ist Bewegung im Untergrund spürbar, bei Beethoven (dem Schützen schlechthin) im Andante con moto (!) der 5ten bricht das C-Dur des Willens immer wieder durch. Auch im 3.Satz der 1ten von Brahms dient die idyllische Stimmung nur als Ausgangspunkt für Ausbruchsversuche nach allen Richtungen… Von wirklich beruhigtem (oder betäubtem?) Geist spricht der 3.Satz der „Rheinischen“ von Schumann, hier wird der schwärmerische, leicht biedere Ton kaum verlassen. Das Trio der 8ten von Bruckner meint wohl dieselbe trügerische Ruhe: „der Michel träumt ins Land“… Betäubung wurde auch Wagner unterstellt und seinem Parsifal, wo das Vorspiel schon zwischen As-Dur und D-Dur changiert, freilich in vertauschten Farben: Lichtvolle Holzbläser in As-Dur, schlichte Streicher in D… Religiöse Stimmung, auch in den Adagio-Sätzen der 1. & 2. Symphonie von Bruckner, wobei die Brucknerschen Adagios in ihrer Tiefe es schwer machen, Tonartenunterschiede zu benennen. Jedenfalls ist es das as von Mond und vor allem Neptun (Religiosität!), das nicht lärmende Triumphe, sondern stille Hoffnungen grundiert…

Es-Dur / Steinbock / c-moll

Die Wiedergeburt des Lichtes hat stattgefunden am Anfang der kalten Steinbock-Zeit, die Hoffnung hat sich als begründet erwiesen und muss jetzt im Irdischen Wurzeln schlagen, wo der gefrorene Boden und die kalten Nächte regieren, bleiern herrscht noch der unerbittliche Saturn. Die Weihe, die die späten Es-Dur-Werke Mozarts atmen, weist noch auf die alte Stimmung: damals war Es-Dur wie heute D-Dur die Tonart des Sonnensystems, also der kosmischen Ordnung, die damals gerade durch die Entdeckung des Uranus dynamisiert wurde. So beschwören die Maurer-Musiken wie die Zauberflöte noch einmal das Bild des gerechten Herrschers, das schon bei Beethoven durch das des Helden und (Freiheits-) Kämpfers abgelöst wird. Was bleibt, ist der pathetische, ritterliche Gestus, eine gewissermaßen ungebrochene, optimistische Stimmung, die den Zweifel hinter sich hat und die Gewissheit des Sieges freudig in die bevorstehenden Kämpfe trägt. Von diesem optimistischen Schwung erfüllt sind die Eroica und das 5.Klavierkonzert von Beethoven, in der Symphonie mit großem Pathos beschlossen nach den alle Bereiche durchmessenden Variationen eines simplen, jeder Zierlichkeit baren Themas. Einen Nachklang dieses Optimismus versucht die „Rheinische“ von Schumann, freilich es fehlt die Hoffnung, der Kampf, die reine Festlichkeit läuft ins Leere, wo die revolutionäre Perspektive in imaginäre Ferne gerückt ist. Imaginäre Mittelalter-Ritterlichkeit auch in der 4ten von Bruckner, mit ganzer Pracht anschließend an die Weihe von Mozart, aber es ist Naturromantik und Hochgebirgspathos, das im Finale schließlich in die mystische Verschmelzung von Ich und Gott mündet. Heroisch wiederum das Es-Dur der nationalromantischen Borodin und Sibelius, in dessen 5.Symphonie Thor seinen Hammer schwingt mit Posaunen und Hörnern: Nein, Leichtigkeit ist dieser Tonart nicht gegeben, außer vielleicht im Finale der „Rheinischen“… Allerdings, die Schwere des Bestehenden ist beträchtlich und wurde in c-moll auch in vielen Werken dargestellt, bei Mozart noch fatalistisch: im Klavierkonzert Nr.24, in der unvollendeten Großen Messe, im langsamen Satz des Klavierkonzertes Nr.22: trostreich in vielen kleinen Wendungen, da die Perspektive der Überwindung noch fehlt: Noch ist Saturn der äußerste Planet, die Ordnung der Welt gottgegeben… Beethoven dagegen setzt dem „Schicksalsmotiv“ der 5ten ziemlich bald seinen Hornruf (Es-Dur) entgegen, läßt das Alte in der Coda noch einmal stampfen und trotzen, während das Scherzo schon in den aus der Tiefe aufsteigenden Streichern den Aufruhr beschwört, der am Ende die Überwindung bringen wird. Bei Brahms in der als 10ten apostrophierten 1.Symphonie kommt die Überwindung nicht aus dem Willen, sondern aus der Natur (Albhornthema), da zeigt sich die wieder fatalistische Haltung der Spätromantik, Aber die Schwere des c-moll im 1.Satz ist auch fast wie unüberwindlich, von oben und unten bewegen sich die Stimmen chromatisch aufeinander zu wie in der Zange des Schicksals, das in stoischen Paukenschlägen vorwärtsstampft. Bruckner dagegen läßt sein c-moll aus raunender Tiefe aufsteigen in der 8ten, riesenhaft ungeschlacht stellt sich das Thema dar zwischen den wie gemeißelten der anderen Symphonien: hier ist alles schwankend und schwer zu fassen (wie das Schicksal für die Ordnung der Jungfrau?), presst wie unter unerträglichem Druck auf dem Höhepunkt der Durchführung Haupt- und Seinthema zusammen und entlädt sich kurz vor Schluss in hämmernden Rhythmen, starr und unerbittlich. Am Ende nur noch das Ticken der Totenuhr, ist doch Saturn auch der Herr der Zeit. Trotzig dagegen das Thema des Scherzo („der deutsche Michel“), aber ebenso starr… Als letztes Beispiel für das schicksalstragische c-moll sei die „Totenfeier“ aus Mahlers „Auferstehungs“-Symphonie genannt mit wiederum hämmernden Rhythmen… Hier findet die berwindung wirklich im Es-Dur der Auferstehung statt, wie auch in der „Symphonie der Tausend“, wo doch wieder Erlösung von der Ordnung des Saturn gemeint ist, hier durch das „Ewig-weibliche“, das uns „hinanzieht“… Eine Hoffnung hierauf beseelt wohl das Adagio der 2.Symphonie von Schumann, die c-moll-Klage des Anfangs löst sich in in fast transzendente, an Bruckner gemahnende Bereiche… Sehr ernst von Mozart das Andante der Symphonia concertante für Geige und Bratsche, ernst auch die Farben von Bratschen und Horn im langsamen Satz von Bruckners 4ter, dunkel und für Bruckner ungewohnt modulationsarm singt sich die Klage aus… Auch von Horn und Cello lebt der 3.Satz aus Brahms 3ter, hier, im Ernst der unaufgeregten Schwermut, findet sich auch fast etwas wie Leichtigkeit in c-moll, die dem Es-Dur des mittleren Mozart so sehr abgeht, in der Starrheit des 1.Satzes der Symphonia concertante. Auch die langsamen Sätze in Es-Dur sind eher ernst im Ausdruck: sehr zart der des Fagottkonzertes und der Symphonie Nr.40 von Mozart (mit der herrlich aufsteigenden Geigenmelodie über saturnig pochenden Achteln), der der 4ten von Beethoven von wehmütigen Episoden durchbrochen, in der 3ten von Bruckner und der 1ten von Tschaikowsky mit großer Feierlichkeit, da ist die alte Weihe noch, aber die kosmischen Bezüge haben sich verschoben: nur noch der Tageston g als Terz bringt Belebung und Optimismus, sonst ist kein Ton „in tune“…

B-Dur / Wassermann

Noch im kalten Bereich des Jahres, aber schon im Aufsteigen begriffen mit etwas lichteren Tagen und gleißendem Schnee, dazwischen manchmal fast frühlingshafte Tage mit trügerischem Vogelsang: das ist der janusköpfige Wassermann, von luftiger Qualität und manchmal eisiger Kälte; aber auch freiheitssüchtig bis zur Zerstörung, denn soziale Beziehungen sind ihm entweder freiwillig oder nichts. Dabei hilft ihm ein tiefer, undogmatischer Glaube wo nicht an Gott, so doch an den Fortschritt zum Guten, an die Verbesserbarkeit der Welt. Das prädestiniert ihn zum Täufer (der das Wasser im Krug hat und damit unter Kontrolle…) und zum Rebellen. So gibt es das B-Dur des Glaubens bei Bruckner in der 5.Symphonie, die mit einem unorthodoxen Choral schließt. Bei Brahms im Requiem sind es „die Erlöseten des Herrn“, die wiederkommen werden, befreit von Tod und Sünde… Beethoven, der sich lieber selbst helfen wollte, schreibt eine wirklich kecke 4.Symphonie, deren Schwung sich wie in einem Akt der Ermannung aus brütender Schwere aufrafft und dann seine Bahn läuft, „freudig wie ein Held zum Siegen“ in der Neunten, zuweilen gegen den Strich wie im Scherzo noch einmal der 4ten. Ähnlich aus der Starre befreit sich das Hauptthema der „Frühlingssymphonie“ von Schumann, selbst die 5te von Schubert hebt mit einer Einleitung von 4 Takten an, als bräuchte der Wassermann immer diesen Kontrast, um sich deutlicher abzuheben; von da her läßt sich auch die zerklüftete Einleitung bei Bruckner (s.o.) verstehen. Schubert und Mozart haben als geborene Wassermänner sehr viel B-Dur im Programm: In der oben erwähnten 5ten lebt die ganze Leichtigkeit Mozarts fort, dessen g-moll-Symphonie hier nachgebildet scheint… Von Mozart selbst sei das Klavierkonzert Nr.15 erwähnt, ein Meilenstein in ausdrucksvoller Spielerei, ferner das Fagottkonzert und die Symphonie Nr.33, während das Klavierkonzert Nr.27 in seiner Innigkeit schon die Züge des Abschiedes trägt, denn die Wassermänner pflegten früh zu reifen und zu sterben, nebst den beiden erwähnten auch Mendelssohn, der seine 2.Symphonie in B-Dur zum „Lobgesang“ mit Chören und Solostimmen gemacht hat. Das B-Dur des Glaubens findet sich auch bei Beethoven im Adagio der 9ten und in der Missa Solemnis, im wie in Stein gemeißelten Motto des Credo. Vom Wasser murmelt uns auch die „Szene am Bach“ aus Beethovens „Pastorale“, mit den Vogelrufen am Schluss… Von ähnlicher Gelassenheit erfüllt gibt sich das 2.Klavierkonzert von Brahms, im Finale spielerisch mit Zigeuneranklängen (Unabhängigkeit!) und perlender Lebensfreude, während dem ruhigen Hauptsatz noch in manchen Passagen der Wille anzumerken ist, sich nicht einfangen zu lassen von den bei Brahms sonst so üblichen Grübeleien… Auch das g-moll steht im Zeichen weniger tragischer als wehmütiger Stimmungen: bei Mozart muß es auch garnicht überwunden werden wie d-moll, sondern steht für sich, in der Symphonie Nr.25 noch stürmisch und ernst, in der Nr.40 dann mit spielerischem Eifer, der noch die allerdings berührte Tragik (des isolierten Wassermannes?) mit Kontrapunkt und für Mozart recht weitgehenden Modulationen gestaltet, das Wasser (=die Gefühle) im Krug hält. Auch Tschaikowskys 1.Symphonie „Winterträume“ bevorzugt die beschwingte Variante der Melancholie und läßt mehr an Schlittenfahrt denken als an große, tragische Gefühle. Tragisch dagegen gibt sich das „Trinklied vom Jammer der Erde“ bei Mahler, aber er feiert so ausgiebig Wein und Gesang, daß die Düsternis wiederum nur Folie bildet für den autonomen Menschen…

F-Dur / Fische / d-moll

Eine schwierige Zeit durchleben wir oft im Vorfrühling, wenn die Kälte immer noch nicht weichen will, aber die aufsteigenden Kräfte in uns hinaus wollen, hinaus aus der tristen Wirklichkeit oder dem engen Haus, das uns nun schon so lange beherbergt! Wo es keine Möglichkeit zum spirituellen Wachstum gibt, droht der Geist in Wahnsinn oder Depression zu flüchten, denn der auflösende Neptun ist allemal stärker als die Nüchternheit der Vernunft. In alten Zeiten waren Neptun und Mond die Terz von F-Dur, der Sonnenfleckenton Quint: also die Pole von Einzelbewusstsein und kosmischem Einssein galt es hier zu vereinigen, was auf der bäuerlichen Ebene im Sorgen um die Felder vor der Aussaat seinen Ausdruck finden konnte. Das spätere f entspricht dem Erdkreiselton, der für den sehr langsamen Wandel der Gottes- und Weltbilder über Jahrtausende steht und übrigens im alten China der Grundton eines dem westlichen sehr ähnlichen (mit Quintenzirkel..) Tonsystems war… Hier schwingt eine gewisse Heiterkeit mit, die den Wandel als Ausdruck einer größeren Ordnung erfühlt. „Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande“ nennt denn auch Beethoven den 1.Satz seiner Pastorale, die in weichen Tönen vom Eingebundensein in die Natur spricht. Eher derbe der Ton der 8ten, mit einem bäuerlichen Menuett und dem ganzen beethovenschen Schalk: der war nicht vom Wahnsinn bedroht, rannte er doch den ganzen Tag über hinaus mit seinem Zimmermannsbleistift, aus der größeren Quelle zu schöpfen. Auch Brahms war so ein Freiluftkomponist, der in seiner 3.Symphonie gleich im 2.Takt das tonartfremde as bemüht und damit den Mond/Neptun-Ton wieder hereinholt ins F-Dur. Im Violinkonzert schreibt er ein sehr weiches F-Dur-Adagio, das gleich mit dem Venus-a anhebt… Sonst sind die großen Werke in F-Dur selten, es ist eben wie A-Dur oder G-Dur eine Tonart der langsamen Sätze… In Bruckners 6ter hebt das Adagio mit einem f an, das erst nach b-moll klingt in seiner bodenlosen Traurigkeit, um sich dann im ruhigen F-Dur zu finden: hier ist die Gelassenheit wirklich erworben, ähnlich wie im stillen Schluß von Brahms (s.o.), dessen Requiem schon anhebt mit tröstlichen Tönen. Ein heftiger Charakter wie Tschaikowsky dagegen findet im Volksfestjubel der 4ten seine Auflösung und Rettung…

Umso häufiger finden wir das große d-moll, die Tonart des Todes, denn es stirbt wirklich etwas in den Fischen, was im Steinbock kulminierte: das starre des Winters und der festgefügten Ordnungen. Schon bei Mozart geht es zur Sache. Im Klavierkonzert Nr.20, in der Don-Giovanni-Ouvertüre, im Requiem schließlich weht uns der Hauch des Todes an, schreit und klagt die Seele, die sich noch festhält am Irdischen; Saturn-d und Venus-a sind hier am klingen, gibt es ein besseres Bild als „der Tod und das Mädchen“ von Schubert? „Herr, lehre doch mich, daß ein Ende mit mir haben muß“ heißt es bei Brahms, und sowohl die d-moll-Symphonien von Bruckner als auch Brahmsens Klavierkonzert Nr.1 gestalten die Majestät des Todes in gewaltigen, auch gewaltsamen Würfen. Schumann in seiner 4ten trifft besser die Klage und auch ein wenig das Unheimliche in den schweren Sexten der Einleitung, auch die Auflösung der Form paßt hierher; im Violinkonzert mit seinem Brucknerschen Hauptthema wählt er die Flucht: das tändelnde „Finale“ malt wohl schon ein Arkadien des Abgetauchten, wenn auch der Charakter der aus d-moll möglichen Überwindung angedeutet ist, besser als in manchen gewaltsamen Durchbrüchen: Es ist das D-Dur der Gegenseitigkeit, der Begegnung, das uns hier heraushilft aus der Furcht: beispielhaft gestaltet in der 9.Symphonie von Beethoven, die so ausgiebig das düstere d-moll mit Zittern (Tremoloanfang) und Bangen zelebriert, um am Ende die Verbrüderung in der Freude, ja die Menschheitsumarmung zu vollbringen: vom Einzelsterben zum Gattungsüberleben, könnte man den Perspektivwechsel, der die Überwindung der Todesfurcht bringt, zusammenfassen. Im kleinen ist dieser Vorgang gestaltet in der Überleitung vom 3ten zum 4.Satz in der d-moll-Symphonie von Schumann… Ganz anders dagegen Sibelius in seinem Violinkonzert: sehr zart das d-moll des ersten Satzes, mit dorischem Einschlag wie in seiner 6ten, lä?t er im Finale Freund Hein selbst aufspielen zu einem Totentanz, während die 6.Symphonie nach ein paar lauteren Klagen still verdämmert, wie übrigens auch der Komponist noch dreißig Jahre ohne nennenswerte Produktion…

(2005)

Astrologie und Politik – zur Bedeutung der äußeren Planeten

Astrologie und Politik

zur Bedeutung der äußeren Planeten

Es geht unter politisch interessierten Menschen das Gerücht um, die Astrologie sei eine Weltanschauung, die durch strikten Determinismus und Abwesenheit gesellschaftlicher Perspektiven dem politischen Denken und Streben schädlich ist, ja im Kern konservativ oder gar reaktionär wirkt auf das Bewußtsein der Betreibenden und Konsumenten. Diesem Urteil, das freilich auf Erfahrungen mit traditionellen Symbolsystemen beruht, die nicht zu leugnen sind, möchte ich in dieser Schrift entgegentreten und sagen: Es gibt in der Astrologie auch eine utopische Perspektive, einen Ausdruck emanzipatorischer, aufklärerischer Bestrebungen, und sie sind am Sternenhimmel, wie wir im Westen ihn deuten pflegen, vielleicht deutlicher verankert als manchmal im irdischen Bewußtsein. Das war nicht immer so:

In den Jahrtausenden, die die Entwicklung der traditionellen Deutung der Planetenstände gedauert hat, war es die längste Zeit ein starres System, das auf der Wanderung dermit bloßem Auge sichtbaren Planeten vor dem Fixsternhimmel beruhte und als äußersten Horizont von Saturn als Symbol des Begrenzenden schlechthin – begrenzt wurde. In diesem Kosmos gab es freilich keine Perspektive auf wirkliche Veränderung, letzlich herrschte Saturn über Schicksal in jeder Form. Die dynamischen Kräfte wie Mars oder Jupiter brachten nur Krieg oder Glück, wenn es das Schicksal zuließ. Und dieses Schicksal war dann natürlich alles, was uns von außen aufgezwungen war: Trennung, Gefangenschaft, Zerstörung, Konzentration, Untergang und Widerstand dagegen; jedenfalls nicht: von uns selbst zu verändern. Dieses Denksystem entsprach natürlich genau dem, was im Fischezeitalter symbolisiert ist: Erlösung gibt es nur im Jenseits, in der Gnade eines unsichtbaren Gottes.

Nun wurde dieses System im Zuge der Aufklärung und des Fortschrittes der Naturwissenschaften gesprengt durch die Entdeckung des

Uranus

der zuerst nach seinem Entdecker Herschel benannt wurde. Woher eigentlich die Bezeichnung „Uranus“ und die Symboldeutung stammt, ist mir nicht bekannt. Jedenfalls steht Uranus heute für Rebellion, Umsturz von Tradition, das Freiheitsstreben des Individuums sowie für die daraus erst erwachsene Möglichkeit freiwilliger sozialer Zusammenschlüsse. Nicht von Ungefähr fällt seine Entdeckung in die Zeit vor der Großen Französischen Revolution. Er gilt auch als Herrscher des Wassermannzeitalters, dessen Beginn für divergierende Zeitpunkte zwischen 1915 und 2150 angegeben wird. Hier ist jedenfalls schon eine Synchronizität zur sprunghaft expandierenden Zivilisation und Aufklärung zu erkennen, die unser Leben seit bald zwei Jahrhunderten prägt. Die Sprengung des traditionellen astrologischen Systems macht jedenfalls deutlich, daß auf der Erde eine wirkliche Veränderung stattgefunden hat: Es ist seitdem nicht mehr sinnvoll möglich, sich auf unhinterfragte Konzepte von Tradition und Herrschaft zu beziehen, denn die Kraft, die alles Alte und Hergebrachte bezweifelt und prüft, um nur das durchzulassen, was sich mit der Freiheit des Menschengeistes verträgt, hat ihren „festen“ Platz am Himmel und damit auch in jedem individuellen Horoskop gefunden.

Es sind allerdings über den Begriff des „Wassermannzeitalters“ erhebliche Unklarheiten im Umlauf:

In der großen Esoterikwelle der achziger Jahre wurde es mit einem Sammelsurium an positiven Dingen in Verbindung gebracht: Spiritualität, Selbstverwirklichung, Leben in Kommunen, freie Liebe und alle „möglichen“ anderen Utopien…Schaut man sich den Symbolgehalt des Wassermann/Uranus an, kommt man dagegen zu einem genaueren, wenn auch nicht ganz so schönen Bild: Hier finden wir allerdings Selbstbefreiung, Auflösung der Geschlechterrollen und damit der traditionellen Familie, das moderne Singletum, als technische Symbole das Automobil und das Handy, die uns die individuelle Freiheit und Autonomie zu ermöglichen scheinen, kurz das, was als „Mobilmachung“ P.Sloterdijk in seinem Eurotaoismus so treffend beschrieben hat. Sicher in dieser für viele beängstigenden Perspektive ist nur, daß jede Kultur und Tradition sich diesem Prozeß aussetzen müssen wird und alle scheinbaren Selbstverständlichkeiten neu verhandelt werden müssen.

Die Entdeckung des

Neptun

fällt mitten in die Zeit der europäischen Romantik, eine Zeit, die von Ängsten und Rückzug angesichts der enormen Umwälzungen geprägt war; die Natur als Wert, als Erholungs- und Erlebnisraum wurde entdeckt, das Gefühl kultiviert und eine Ausdrucksästhetik in der Kunst und Musik propagiert, die den kalten Verstand der Aufklärung wieder überwinden wollte. So steht denn auch Neptun für Empfindungen der All-Einheit, für das Leiden an der trennenden Realität, für die Auflösung des starr umgrenzten bürgerlichen Subjektes, das sich in Uranus doch eben erst gefunden hatte. Früher war für diese Empfindungen Jupiter als Papst und die alleinseligmachende Kirche zuständig, aber unter dem Ansturm der Aufklärung waren die Dogmen unhaltbar geworden, die lange als Gefäß für diese Gefühle gehalten hatten. Freilich ist die tendenziell sprachlose Empfindungswelt des Neptun immer in Versuchung, sich in traditionellen Kulten wiederzufinden, aber den konkreten Glaubensinhalten gegenüber seltsam indifferent: es geht wirklich nur noch um das Fühlen spiritueller Wirklichkeiten, nicht um Glauben an konkrete Jenseitsvorstellungen.

Am treffendsten findet sich diese Welt ausgedrückt in der musikalischen Romantik, in der „unendlichen Melodie“, der ekstatisch wirkenden Mediantenharmonik Wagners und Bruckners, mit all den Schwierigkeiten der Formung und Gestaltung: denn für diese Empfindungen und auch den der kapitalistischen Bürgerlichkeit fremden Altruismus Ausdrucksformen zu finden, die dem uranischen Freiheitsdrang standhalten, ist eine Aufgabe, die Neptun mit sich. Die im 19.Jahrhundert aufkeimenden Nationalismen waren auch ein Versuch, das Bedürfnis des Einzelnen nach Identifikation mit einem Kollektiv in Einklang zu bringen mit der revolutionären Kraft des Uranus, vor allem in Gesellschaften, die sich als national fremdbestimmt erlebten. Eine sehr produktive Verbindung der beiden Kräfte war sicherlich der zur gleichen Zeit entstehende Kommunismus, eine Philosophie des revolutionär tätigen Mitgefühls, die sogar die Entdeckung des

Pluto

um bald sechzig Jahre überlebte. Hier befinden wir uns nach der geistigen Revolution des Uranus und der seelischen des Neptun in einer Zeit, die Utopien verwirklichen will, und zwar auf realer, körperlicher Ebene. Das Ideal, uns eigentlich nur als Verneinung des Bestehenden negativ „bekannt“, drängt in die konkrete Verwirklichung. Zu dieser Zeit, in den dreissiger Jahren des 20.Jahrhunderts, war die Sowjetunion als Ergebnis der fortschrittlichsten Philosophie der Zeit in einer Phase der Konsolidierung und Erstarrung, da es eigentlich nichts mehr zu erkämpfen gab und das Paradies trotzdem nicht eintrat. Dagegen erstarkte in Italien, Deutschland und Spanien die rückwärtsgewandte Strömung des Faschismus und Nationalsozialismus, die die Moderne eigentlich ablehnte, die Versprechungen derselben aber auf diffuse Weise einem abgegrenzten Kollektiv zu verwirklichen vorgab: ein Zerrbild des Ideals, das alle Sehnsüchte und Heilsversprechen in sich aufnahm, die unterschiedlichsten Bedürfnisse zu erfüllen versprach und doch nur Krieg und Zerstörung zur Folge hatte. In fast noch tragischerer Weise pervertierte der Kommunismus zu einer Bürokratenherrschaft, die die ursprünglich reine Idee für unabsehbare Zeit kompromittiert hat und so auch zusammenbrechen mußte, freilich doch lange Zeit später als der Faschismus, und aus anderen Gründen: war doch bei Letzterem schon das Ideal einer rassisch-kulturell Ausgrenzenden, auf quasi natürlichen Daseinskampf ausgerichteten Gemeinschaft falsch, weil hinter das Uranus- und Neptunbewußtsein zurückfallend. Die Gefahr und Wirklichkeit des Totalitären hängt jedem Versuch an, das Ideal auf die Erde zu holen, sei es ein falsches (historisch Überholtes) oder richtiges (im Einklang mit den emanzipatorischen Tendenzen stehendes). Trotzdem bleibt die Aufgabe bestehen, sozial und individuell, das reale Leben umzugestalten, die Verhältnisse umzuformen im Sinne des freien und mitfühlenden Menschengeistes, der Menschenverhältnisse als „Schicksal“ nicht mehr zu akzeptieren gelernt hat. Die totale Umwälzung aller gewachsenen Strukturen findet durch die kapitalistische Globalisierung sowieso statt, nur fordert uns Pluto dazu auf, sie zu gestalten, das heißt einer Vision des Ideals dienlich zu machen. Über diese Vision des Ideals, des so-soll-es-sein wird sich die Menschheit verständigen müssen, und dabei kann uns nur die geistige Freiheit des Uranus und das Mitgefühl des Neptun helfen, denn jede partikulare, traditionelle Sichtweise kann die Verständigung sabotieren, die den Produktivkräften entsprechend eine planetarische Sein muß. In diesem Kampf um die Befreiung des planetarischen Bewußtseins aus nationalen, kulturellen, geschlechtlichen, im weitesten Sinne natürlichen Vorurteilen gehören die drei Transsaturnier wirklich zusammen als Symbole geistiger, seelischer und körperlicher Emanzipation des Menschen von jener Unfreiheit, die früher „Schicksal“ hieß.

(2004)